{"id":880,"date":"2017-04-25T08:55:59","date_gmt":"2017-04-25T08:55:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gusp.org\/news\/auf-dem-weg-zum-atomaren-armageddon\/"},"modified":"2017-06-07T13:54:21","modified_gmt":"2017-06-07T13:54:21","slug":"auf-dem-weg-zum-atomaren-armageddon","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.gusp.org\/de\/news\/auf-dem-weg-zum-atomaren-armageddon\/","title":{"rendered":"Auf dem Weg zum atomaren Armageddon"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"margin-bottom:12px;\"><a href=\"http:\/\/www.truth-out.org\/news\/item\/35489-the-most-dangerous-place-on-earth-a-nuclear-armageddon-in-the-making-in-south-asia\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"logo\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/logo_truthout.png\" width=\"106\" height=\"130\" alt=\"Truth Out\"\/><\/a><\/h1>\n<h1>Die gef\u00e4hrlichste Region der Welt:<br \/>\nIn S\u00fcdasien bahnt sich ein nuklearer Entscheidungskampf an<\/h1>\n<p class=\"small\">von Dilip Hiro, Tom Dispatch. 4. April 2016\n<\/p>\n<div id=\"attachment_442\" style=\"width: 750px\" class=\"wp-caption align\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-442\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/photo_truthout_mushroom.jpg\" alt=\"US nuclear weapon test\" width=\"740\" height=\"495\" class=\"size-full wp-image-442\" srcset=\"https:\/\/www.gusp.org\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/photo_truthout_mushroom.jpg 740w, https:\/\/www.gusp.org\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/photo_truthout_mushroom-300x201.jpg 300w, https:\/\/www.gusp.org\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/photo_truthout_mushroom-167x112.jpg 167w\" sizes=\"auto, (max-width: 740px) 100vw, 740px\" \/><p id=\"caption-attachment-442\" class=\"wp-caption-text\">Amerikanischer Atomwaffentest MIKE der Operation Ivy, 31. Oktober 1952, der erste Test einer thermonuklearen Waffe (Wasserstoffbombe). (Foto: mit freundlicher Genehmigung der <em>National Nuclear Security Administration\/Nevada\u00a0Field Office<\/em>).<\/p><\/div>\n<p>Ohne Zweifel ist die indisch-pakistanische Grenze in Kaschmir seit fast zwei Jahrzehnten der gef\u00e4hrlichste Ort der Erde. Ein kleiner Funke anl\u00e4sslich eines Schusswechsels zwischen Artillerie- und Raketenstellungen k\u00f6nnte an dieser Grenze&nbsp;\u2013\u00a0nach der g\u00e4ngigen milit\u00e4rischen Doktrin der beiden atomar bewaffneten Nachbarn&nbsp;\u2013 unaufhaltsam zu einer allumfassenden nuklearen Feuersbrunst f\u00fchren. In diesem Fall w\u00e4re das Ergebnis katastrophal. Neben dem Tod von Millionen von Indern und Pakistanern k\u00f6nnte ein solcher Krieg zu einem \u00bbAtomwinter\u00ab auf einer weltweiten Ebene und damit zu Stufen von Schmerz und Tod f\u00fchren, die \u00fcber unser Verst\u00e4ndnis hinausgehen.<\/p>\n<p>Der nukleare Wettstreit zwischen Indien und Pakistan ist mittlerweile in eine schaurige Phase getreten. Grund ist die Entscheidung Islamabads, taktische Atomwaffen mit geringerer Wirkung in ihren offensiv operierenden Stellungen entlang\u00a0seiner gesamten Grenze zu Indien in Stellung zu bringen, um eine m\u00f6gliche Aggression durch indische Panzerverb\u00e4nde zu verhindern. Bedenklicherweise sollen jedoch schon lokale Kommandanten entscheiden k\u00f6nnen, eine solche nukleare\u00a0Rakete mit einer Reichweite von 35&nbsp;bis 60&nbsp;Meilen abzuschie\u00dfen. Dies stellt eine gef\u00e4hrliche Abkehr von der allgemeinen Praxis dar, diese Autorit\u00e4t in den H\u00e4nden der h\u00f6chsten Beamten der Nation zu belassen. Eine solche Situation ist ohne\u00a0Beispiel im Washington-Moskauer Atomwaffen-Wettr\u00fcsten des kalten Krieges.<\/p>\n<p>Was die strategischen Atomwaffen Pakistans anlangt, so werden ihre Einzelteile an verschiedenen Orten gelagert und k\u00f6nnen nur auf Befehl des Staatsoberhaupts zusammengesetzt werden. Taktische Atomwaffen hingegen werden in einer Atomfabrik vorgefertigt und zur sofortigen Nutzung ins Grenzgebiet transportiert. Neben den nat\u00fcrlichen Gefahren, die dieses Verfahren mit sich bringt, sind solche Waffen auch dem Missbrauch durch kriminelle Kommandeure oder dem Diebstahl durch eine der vielen militanten Gruppen in diesem Land ausgesetzt.  <\/p>\n<p>Im nuklearen Patt zwischen den beiden Nachbarn steigen die Eins\u00e4tze st\u00e4ndig, wie Aizaz Chaudhry, der oberste B\u00fcrokrat im pakistanischen Au\u00dfenministerium, vor kurzem klar machte. Der Einsatz von taktischen Atomwaffen, so erkl\u00e4rte er,\u00a0solle als eine Art \u00bbAbschreckung\u00ab gegen Indiens \u00bbCold Start\u00ab-Strategie dienen, einem angeblichen Notfallplan, der darauf abzielt, Pakistan massiv f\u00fcr irgendwelche inakzeptablen Provokationen wie z.B. einen Terroranschlag gegen Indien zu\u00a0bestrafen.<\/p>\n<p>Neu-Delhi weigert sich, die Existenz von \u00bbCold Start\u00ab zu best\u00e4tigen. Eine unaufrichtige Verweigerung. Bereits 2004 diskutierte es diese Doktrin, welche die Bildung von acht integrierten Kampftruppen von Divisionsgr\u00f6\u00dfe vorsah. Diese sollten\u00a0aus Infanterie, Artillerie und Luftunterst\u00fctzung bestehen, die alle unabh\u00e4ngig auf dem Schlachtfeld operieren k\u00f6nnen. Bei gro\u00dfen Terroranschl\u00e4gen durch eine pakistanische Gruppe sollten diese IBGs (<em>Integrated Battle Groups<\/em>) darauf\u00a0reagieren, indem sie schnell an unerwarteten Stellen der Grenze nicht mehr als 30&nbsp;Meilen in pakistanisches Territorium eindringen und die milit\u00e4rischen Befehls- und Kontrollstrukturen unterbrechen, unter Umgehung von Stellungen, die einen\u00a0nuklearen Vergeltungsschlag ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Mit anderen Worten, Indien hat schon lange vor, auf gro\u00dfe Terroranschl\u00e4ge mit schnellen und verheerenden konventionellen milit\u00e4rischen Aktionen zu reagieren, die nur begrenzten Schaden\u00a0zuf\u00fcgen w\u00fcrden und damit&nbsp;\u2013 in einem Best-Case-Szenario&nbsp;\u2013 eine pakistanische Rechtfertigung f\u00fcr eine atomare Antwort inakzeptabel machen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Andererseits sucht Islamabad nach wie vor nach Wegen, einen solchen indischen Kaltstart-Blitzkrieg auf seinem Territorium zu verhindern. Nach vielen internen Debatten entschieden sich die obersten Beamten f\u00fcr taktische Atomwaffen. Im\u00a0Jahr 2011 hat Pakistan solche erfolgreich getestet und seitdem j\u00e4hrlich vier bis f\u00fcnf solcher Tests pro Jahr durchgef\u00fchrt, so Rajesh Rajagopalan, Co-Autor von \u00bbNuclear South Asia: Keywords and Concepts\u00ab aus New Delhi.\u00a0<\/p>\n<p>All dies geschieht im Umfeld von Bev\u00f6lkerungen, die sich feindlich gegen\u00fcberstehen. Eine typische Umfrage aus dieser Zeit durch das \u00bbPew-Forschungszentrum\u00ab ergab, dass 72&nbsp;% der Pakistaner eine negative Sicht gegen\u00fcber Indien hatten,\u00a0wobei 57&nbsp;% es als eine ernste Bedrohung betrachteten, w\u00e4hrend auf der anderen Seite 59&nbsp;% der Inder Pakistan in einem ung\u00fcnstigen Licht sahen.<\/p>\n<p>Dies ist der Hintergrund, vor dem die F\u00fchrung Indiens verlauten lie\u00df, dass ein taktischer Atomangriff auf ihre Streitkr\u00e4fte, auch auf pakistanischem Boden, als vollwertiger atomarer Angriff auf Indien angesehen werden w\u00fcrde und dass Indien\u00a0sich das Recht vorbehalten w\u00fcrde, entsprechend zu antworten. Da Indien keine taktischen Atomwaffen hat, k\u00f6nnte es nur mit weit verheerenderen strategischen Atomwaffen vergelten, die m\u00f6glicherweise auf pakistanische St\u00e4dte gerichtet sind.<\/p>\n<p>Nach einer Einsch\u00e4tzung der <em>US Defense Intelligence Agency<\/em> (DIA) aus 2002 k\u00f6nnte ein Worst-Case-Szenario bei einem indisch-pakistanischen Atomkrieg sofort 8&nbsp;bis 12&nbsp;Millionen Tote zur Folge haben und weitere Millionen Verletzte\u00a0durch radioaktive Strahlung. Neuere Studien haben gezeigt, dass bis zu einer Milliarde Menschen weltweit von Hunger und Hungersn\u00f6ten durch eine von Rauch und Ru\u00df verseuchte Troposph\u00e4re betroffen sein k\u00f6nnten, falls es zu einer\u00a0atomaren Auseinandersetzung in S\u00fcdasien kommen sollte. Der daraus resultierende \u00bbnukleare Winter\u00ab mit dem folgenden Ernteverlust k\u00f6nnte notwendigerweise zu einem sich langsam entwickelnden globalen nuklearen Holocaust\u00a0f\u00fchren.<br \/>\n\u00a0<br \/>\nUm die Gefahr einer solch katastrophalen Auseinandersetzung zu reduzieren, trafen sich die Oberbefehlshaber der Obama-Regierung in Washington mit dem pakistanischen Armeechef, General Raheel Sharif, dem obersten\u00a0Entscheidungstr\u00e4ger f\u00fcr die nationale Sicherheitspolitik des Landes, und forderten ihn auf, die Produktion taktischer Atomwaffen zu stoppen. Im Gegenzug versprachen sie, die Benachteiligung Islamabads im nuklearen Bereich zu beenden,\u00a0indem sie seinen Einstieg in die 48-k\u00f6pfige <em>Nuclear Suppliers Group<\/em> unterst\u00fctzen, zu der Indien bereits geh\u00f6rte. Obwohl nach Sharifs Reise kein formales Kommuniqu\u00e9 erschien, wurde bekannt, dass er das Angebot abgelehnt hatte.<\/p>\n<p>Dieser Misserfolg zeigte sich auch in der Aussage von DIA Direktor Leutnant General Vincent Stewart im Februar gegen\u00fcber dem <em>Armed Services Committee<\/em> im Februar. \u00bbPakistans Atomwaffen wachsen weiter\u00ab, sagte er. \u00bbWir sind besorgt\u00a0dar\u00fcber, dass dieses Wachstum sowie die sich entwickelnde, mit taktischen Waffen verbundene Doktrin das Risiko eines Zwischenfalls oder eines Unfalls erh\u00f6hen.\u00ab\u00a0<\/p>\n<h4>Strategische Atomsprengk\u00f6pfe<\/h4>\n<p>Seit dieser Einsch\u00e4tzung der DIA bez\u00fcglich der menschlichen Todesopfer in einem s\u00fcdasiatischen Atomkrieg haben die strategischen Atomarsenale von Indien und Pakistan weiter zugenommen. Nach einem Bericht des US-Kongresses vom\u00a0Januar 2016 bestand Pakistans Arsenal vermutlich aus 110 bis 130 Atomsprengk\u00f6pfen. Gem\u00e4\u00df dem Stockholmer <em>International Peace Research Institute<\/em> hat Indien 90 bis 110 davon. (China, der andere regionale Beteiligte, hat etwa 260\u00a0Sprengk\u00f6pfe).<\/p>\n<p>Als Ende der 1990er-Jahre Indien und Pakistan ihre neuen Waffen testeten, ver\u00f6ffentlichten die Regierungen ihre nuklearen Grunds\u00e4tze. Der Nationale Sicherheitsbeirat f\u00fcr die indische Nuklearlehre zum Beispiel stellte im August 1999&nbsp;fest,\u00a0dass \u00bbIndien nicht der Erste sein wird, der einen Atomschlag einleitet. Man w\u00fcrde stattdessen eine strafrechtliche Verfolgung einleiten, falls die Abschreckung fehlschlagen sollte\u00ab. Indiens Au\u00dfenminister erkl\u00e4rte damals, dass die in dieser\u00a0Doktrin erw\u00e4hnte \u00bbkleinste wirksame Abschreckung\u00ab eine Frage der \u00bbAngemessenheit\u00ab sei, nicht die Anzahl der Sprengk\u00f6pfe. In den darauffolgenden Jahren wurde jedoch dieser Ma\u00dfstab f\u00fcr die \u00bbkleinste wirksame Abschreckung\u00ab regelm\u00e4\u00dfig\u00a0neu definiert, da die indischen Politiker sich verpflichtet f\u00fchlten, das Atomwaffenprogramm des Landes mit einer neuen Generation von st\u00e4rkeren Wasserstoffbomben zu modernisieren, die als St\u00e4dte-Zerst\u00f6rer konzipiert wurden.<\/p>\n<p>Im Februar 2000 gr\u00fcndete Pakistans Pervez Musharraf, der auch der Armeechef war, die Abteilung Strategische Planung in der <em>National Command Authority<\/em> und ernannte den Generalleutnant Khalid Kidwai zum Generaldirektor. Im Oktober\u00a02001 gab Kidwai einen \u00dcberblick \u00fcber die aktualisierte Atomdoktrin des Landes in Bezug auf seinen milit\u00e4risch und wirtschaftlich weit \u00fcberlegenen und leistungsf\u00e4higeren Nachbarn und sagte: \u00bbEs ist bekannt, dass Pakistan keine Nicht-Erstschlagpolitik verfolgt.\u00ab Dann legte er die Kriterien f\u00fcr die Verwendung von Atomwaffen dar. Die Atomwaffen des Landes, so Musharraf, zielten nur auf Indien und w\u00fcrden f\u00fcr den Einsatz als Reaktion auf einen Atomangriff aus diesem\u00a0Land zur Verf\u00fcgung stehen, oder falls Indien einen gro\u00dfen Teil des pakistanischen Territoriums erobern sollte (die territoriale Schwelle) beziehungsweise einen bedeutenden Teil seiner Land- oder Luftstreitkr\u00e4fte zerst\u00f6ren sollte (die\u00a0milit\u00e4rische Schwelle), oder damit beginnen sollte, Pakistan wirtschaftlich zu strangulieren (die \u00f6konomische Schwelle) oder das Land politisch destabilisieren sollte durch gro\u00df angelegte interne Subversion (die Destabilisierungsschwelle).<\/p>\n<p>Von diesen war die territoriale Schwelle der am n\u00e4chsten liegende Ausl\u00f6ser. Neu-Delhi sowie Washington \u00fcberlegten, wo die rote Linie f\u00fcr diese Schwelle sein k\u00f6nnte, obwohl es keine Einstimmigkeit unter den Verteidigungsexperten gab.\u00a0Viele vermuteten, dass es der bevorstehende Verlust von Lahore sein w\u00fcrde, der Hauptstadt des Punjab, nur 15 Meilen von der indischen Grenze entfernt. Andere sahen die rote Linie in Pakistans weitl\u00e4ufigem Einzugsgebiet des Indus.<\/p>\n<p>Innerhalb von sieben Monaten nach dieser Debatte eskalierten im Mai 2002 die indisch-pakistanischen Spannungen j\u00e4h nach einem Angriff auf eine indische Milit\u00e4rbasis in Kaschmir durch pakistanische Terroristen. Damals wiederholte\u00a0Musharraf, dass er nicht auf das Recht seines Landes verzichten w\u00fcrde, Atomwaffen zuerst einzusetzen. Die Aussicht auf ein von einer Atombombe getroffenes New Delhi wurde so real, dass US-Botschafter Robert Blackwill den Bau eines\u00a0Bunkers auf dem Botschaftsgel\u00e4nde in Erw\u00e4gung zog, um einen Atomschlag zu \u00fcberleben. Erst als er und seine Mitarbeiter erkannten, dass die Bunkerinsassen durch die Nachwirkungen der nuklearen Explosion doch get\u00f6tet w\u00fcrden, wurde\u00a0diese Idee aufgegeben.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass die F\u00fchrer beider L\u00e4nder nunmehr selbst in den nuklearen Abgrund starren, aufgrund einer gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzung in Kaschmir&nbsp;\u2013 einem umstrittenen Territorium, das seit 1947, als Indien unabh\u00e4ngig und Pakistan gegr\u00fcndet wurde, und das zu drei konventionellen Kriegen zwischen den s\u00fcdasiatischen\u00a0Nachbarn f\u00fchrte. Als Ergebnis der Auseinandersetzungen von 1947 und 1948 erwarb Indien damals etwa die H\u00e4lfte von Kaschmir, Pakistan ein\u00a0Drittel, und den Rest besetzte sp\u00e4ter China.<\/p>\n<h4>Kaschmir: Ursprung andauernder Feindschaft<\/h4>\n<p>Der Kaschmir-Konflikt stammt noch aus der Zeit, in der der britisch-indische Subkontinent in die Hindu-Mehrheit Indiens und die muslimische Mehrheit Pakistans eingeteilt wurde und als indirekt beherrschte, von Maharajas regierte Staaten\u00a0sich entscheiden sollten, sich entweder Indien oder Pakistan anzuschlie\u00dfen. Im Oktober 1947 unterzeichnete der Hindu-Maharaja der muslimischen Mehrheit in Kaschmir ein Beitrittsabkommen mit Indien, nachdem muslim-st\u00e4mmige\u00a0Rebellen aus Pakistan in sein Reich eingedrungen waren. Die schnelle Ankunft der indischen Truppen entriss den Eindringlingen die Hauptstadt Srinagar. Sp\u00e4ter k\u00e4mpften diese Truppen regelm\u00e4\u00dfig gegen die pakistanischen Truppen, bis zu\u00a0dem von den Vereinten Nationen vermittelten Waffenstillstand vom 1.&nbsp;Januar 1949. Das Beitrittsdokument sah vor, dass den Kaschmiris in einer Volksabstimmung Gelegenheit gegeben werden sollte, zwischen Indien und Pakistan zu w\u00e4hlen,\u00a0sobald der Frieden wiederhergestellt war. Das ist jedoch noch nicht geschehen und es gibt auch keine realistische Aussicht darauf.<\/p>\n<p>Indien bef\u00fcrchtete eine Niederlage in einer solchen Volksabstimmung angesichts der pro-pakistanischen Gef\u00fchle, die unter der Mehrheit der Muslime des Landes vorherrschten, und fand deshalb immer wieder M\u00f6glichkeiten, die UN-Versuche\u00a0zur Durchf\u00fchrung einer Volksabstimmung zu blockieren. Indien verlieh schlie\u00dflich dem von ihm kontrollierten Teil Kaschmirs einen Sonderstatus und hielt Wahlen nach indischem Gesetz ab, was Pakistan mit Argwohn beobachtete.<\/p>\n<p>Im September 1965, als seine verbalen Proteste sich als vergeblich erwiesen, versuchte Pakistan, den Status quo durch milit\u00e4rische Kraft zu ver\u00e4ndern. Es begann einen Krieg, der noch einmal in einem Patt und einem anderen von den UN\u00a0vermittelten Waffenstillstand endete, der die kriegf\u00fchrenden Parteien dazu bestimmte, hinter die Waffenstillstandslinien von 1949 zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Ein dritter bewaffneter Konflikt zwischen den beiden Nachbarn folgte im Dezember 1971. Er f\u00fchrte zu Pakistans Verlust seines \u00f6stlichen Ausl\u00e4ufers, aus dem sp\u00e4ter das unabh\u00e4ngige Bangladesch hervorging. Bald darauf versuchte die indische\u00a0Ministerpr\u00e4sidentin Indira Gandhi den pakistanischen Pr\u00e4sidenten Zulfikar Ali Bhutto davon zu \u00fcberzeugen, die 460 Meilen lange Waffenstillstandslinie in Kaschmir (umbenannt in die \u00bbKontrolllinie\u00ab) in eine internationale Grenze\u00a0umzuwandeln. Da er das Verlangen seines Landes nach einer Volksabstimmung im ganzen Kashmir in seinen Grenzen von 1947 nicht aufgeben wollte, weigerte sich Bhutto. Und so blieb das Patt bestehen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Milit\u00e4rherrschaft von General Zia al Haq (1977-1988) initiierte Pakistan eine Politik der Schw\u00e4chung Indiens mit einer Politik der tausend Nadelstiche durch die F\u00f6rderung terroristischer Aktionen sowohl im indischen Kaschmir\u00a0als auch im ganzen Land. Delhi antwortete mit einer Verst\u00e4rkung der milit\u00e4rischen Pr\u00e4senz in Kaschmir und der brutalen Unterdr\u00fcckung von Bewohnern, die eine Volksabstimmung forderten oder die Trennung von Indien bef\u00fcrworteten und\u00a0beging dabei weitreichende Menschenrechtsverletzungen.<\/p>\n<p>Um die Infiltration von K\u00e4mpfern aus dem pakistanischen Kaschmir zu stoppen, errichtete Indien einen doppelten, 3,60 Meter hohen Zaun und legte im Zwischenraum einen G\u00fcrtel mit Hunderten von Landminen. Sp\u00e4ter sollte diese Barriere\u00a0auch mit Infrarotkameras und Bewegungssensoren ausgestattet werden, um die Eindringlinge erkennen zu k\u00f6nnen. In den sp\u00e4ten 1990er Jahren befanden sich auf der einen Seite dieser \u00bbKontrolllinie\u00ab 400&nbsp;000 indische Soldaten und auf den\u00a0anderen 300&nbsp;000 pakistanische. Kein Wunder, dass Pr\u00e4sident Bill Clinton diese Grenze als \u00bbden gef\u00e4hrlichsten Ort der Welt\u00ab bezeichnete. Durch die Hinzuf\u00fcgung taktischer Atomwaffen ist sie es heute noch viel mehr.<\/p>\n<h4>Kaschmir: Ein giftiger Zankapfel<\/h4>\n<p>Schon vor Pakistans Einf\u00fchrung taktischer Nuklearwaffen waren die Spannungen zwischen den beiden Nachbarn gef\u00e4hrlich gestiegen. Dann pl\u00f6tzlich, Ende 2015, zeigte sich der Hauch einer Chance auf eine Normalisierung der Beziehungen.\u00a0Der indische Ministerpr\u00e4sident Narendra Modi hatte ein herzliches Treffen mit seinem pakistanischen Amtskollegen Nawaz Sharif, dessen Geburtstag am 25.&nbsp;Dezember in Lahore gefeiert wurde. Aber diese Hoffnung wurde zerschlagen, als in\u00a0den fr\u00fchen Morgenstunden des 2.&nbsp;Januar vier schwer bewaffnete pakistanische Terroristen die internationale Grenze in Punjab \u00fcberquerten, eine Unachtsamkeit der indischen Armee ausnutzten und eine Luftwaffenbasis in Pathankot angriffen.\u00a0Ein tagelanger Schusswechsel folgte. Als die Ordnung am 5.&nbsp;Januar wiederhergestellt war, waren alle Terroristen get\u00f6tet, aber auch sieben Mann der indischen Sicherheitskr\u00e4fte sowie ein Zivilist. Der <em>United Jihad Council<\/em>, eine\u00a0Dachorganisation von separatistischen militanten Gruppen in Kaschmir, \u00fcbernahm die Verantwortung f\u00fcr den Angriff. Die indische Regierung bestand jedoch auf der Ansicht, dass die Operation von Masood Azhar, dem F\u00fchrer der\u00a0pakistanischen <em>Jaish-e Muhammad<\/em> (Armee von Muhammad), organisiert worden war.<\/p>\n<p>Wie schon fr\u00fcher war Kaschmir der motivierende Anlass f\u00fcr die indienfeindlichen K\u00e4mpfer. Gottseidank erwies sich der Angriff auf Pathankot als kleineres Ereignis, das nicht ausreichte, um die Kriegsgefahr zu erh\u00f6hen, doch es hat allen\u00a0guten Willen wieder zerstreut, der durch das Treffen von Modi und Sharif entstanden war.\u00a0<\/p>\n<p>Es gibt jedoch wenig Zweifel, dass eine Wiederholung der Gr\u00e4ueltat, die von pakistanischen Eindringlingen in Mumbai im November 2008 begangen wurde und zum Tod von 166&nbsp;Menschen und dem Brand des <em>Taj Mahal Hotel<\/em>, des Wahrzeichens der\u00a0Stadt, f\u00fchrte, Konsequenzen haben k\u00f6nnte, die in der Tat schrecklich w\u00e4ren. Die indische Doktrin, die eine massive Vergeltung als Reaktion auf einen erfolgreich durchgef\u00fchrten Terroranschlag dieser Gr\u00f6\u00dfe fordert, k\u00f6nnte die beinahe\u00a0sofortige Umsetzung ihrer <em>Cold-Start<\/em>-Strategie bedeuten. Das wiederum w\u00fcrde wahrscheinlich zum Einsatz von Pakistans taktischen Atomwaffen f\u00fchren und damit die M\u00f6glichkeit eines vollst\u00e4ndigen nuklearen Holocaust mit weltweiten\u00a0Konsequenzen Wirklichkeit werden lassen.<\/p>\n<p>Hinter dem lang andauernden Kaschmir-Konflikt steckt Pakistans urspr\u00fcngliche Angst vor dem viel gr\u00f6\u00dferen und m\u00e4chtigeren Indien und seine Abneigung gegen Indiens Ehrgeiz, die Hegemonialmacht in S\u00fcdasien zu werden. Unabh\u00e4ngig von\u00a0ihrer Parteizugeh\u00f6rigkeit haben alle Regierungen in Neu-Delhi einen gewaltbereiten Weg zur nationalen Sicherheit verfolgt, um das Verteidigungsprofil des Landes zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Ganz allgemein sind die indischen F\u00fchrer entschlossen zu beweisen, dass ihr Land in einen Zeitabschnitt eintritt, den sie gerne das \u00bbZeitalter des Fortschritts\u00ab nennen. Als im Juli 2009 Ministerpr\u00e4sident Manmohan Singh offiziell ein im Inland\u00a0gebautes nuklear angetriebenes ballistisches Raketen-U-Boot, die \u00bbINS Arihant\u00ab vorstellte, wurde dies als herausragender Schritt in diese Richtung gefeiert. Den Verteidigungsexperten zufolge war dieses Schiff das erste seiner Art, das nicht\u00a0von einer der f\u00fcnf anerkannten Atomm\u00e4chte gebaut wurde: den Vereinigten Staaten, Gro\u00dfbritannien, China, Frankreich oder Russland.<\/p>\n<h4>Die beiden geheimen Atomanlagen Indiens<\/h4>\n<p>An der nuklearen Front Indiens tauchte noch mehr auf. Im vergangenen Dezember enth\u00fcllte eine Untersuchung des in Washington ans\u00e4ssigen <em>Center for Public Integrity<\/em>, dass die indische Regierung 100&nbsp;Millionen Dollar investierte, um\u00a0eine streng geheime Atomstadt zu bauen, die sich auf \u00fcber 33&nbsp;Quadratkilometer in der N\u00e4he des Dorfes Challakere, 260&nbsp;Kilometer n\u00f6rdlich der s\u00fcdindischen Stadt Mysore, erstreckt. Wenn sie bis 2017 fertiggestellt sein wird, ist sie \u00bbder gr\u00f6\u00dfte\u00a0milit\u00e4risch betriebene Komplex des Subkontinents, mit Kernzentrifugen, Atomforschungslaboratorien sowie Waffen- und Flugzeugtestanlagen\u00ab. Zu den Zielsetzungen des Projekts geh\u00f6rt es, die Atomforschung der Regierung voranzubringen, um Brennstoff f\u00fcr die Atomreaktoren des Landes zu produzieren und die Expansion der Flotte von Atom-U-Booten zu beschleunigen. Sie wird durch einen Ring von Garnisonen abgeschirmt und ist dadurch zu einer offiziell\u00a0nicht vorhandenen milit\u00e4rischen Einrichtung geworden.<\/p>\n<p>Ein weiteres geheimes Projekt, das indische Werkstoffwerk f\u00fcr seltene Materialien in der N\u00e4he von Mysore, ist bereits in Betrieb. Es ist ein neuer Kernanreicherungskomplex, der die Atomwaffenprogramme des Landes versorgt und dabei die\u00a0Grundlage f\u00fcr ein ehrgeiziges Projekt zur Schaffung eines Arsenals an Wasserstoffbomben bildet.<\/p>\n<p>Das \u00fcbergeordnete Ziel dieser Projekte ist es, Indien einen zus\u00e4tzlichen Vorrat an angereichertem Uranbrennstoff zu geben, der in solchen zuk\u00fcnftigen Bomben verwendet werden kann. Als Milit\u00e4rstandort wird das Projekt bei Challakere nicht\u00a0f\u00fcr die Internationale Atomenergie-Organisation oder von Washington zur Einsicht ge\u00f6ffnet sein, da Indiens Atomvereinbarung mit den USA den Zugang zu milit\u00e4rbezogenen Einrichtungen ausschlie\u00dft. Diese Aktivit\u00e4ten werden durch das\u00a0Amt des Premierministers geleitet, der mit der \u00dcberwachung aller Atomenergieprojekte beauftragt ist. Indiens Atomgesetz und sein offizielles Geheimnisgesetz verbergen alles, was mit dem nuklearen Programm des Landes verbunden ist,\u00a0unter einem Deckmantel. In der Vergangenheit wurden diejenigen, die versuchten, ein vollst\u00e4ndigeres Bild des indischen Arsenals und seiner Versorgungseinrichtungen zu erhalten, zum Schweigen gebracht.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass ein \u00e4lterer Beamter des Wei\u00dfen Hauses vor kurzem mit den Worten zitiert wurde: \u00bbSogar f\u00fcr uns sind die Details des indischen Programms immer skizzenhafte und schwierige Tatsachen auf d\u00fcnnem Untergrund.\u00ab Er\u00a0f\u00fcgte hinzu: \u00bbMysore wird st\u00e4ndig \u00fcberwacht, und wir \u00fcberwachen st\u00e4ndig die Fortschritte in Challakere.\u00ab Doch nach Gary Samore, einem ehemaligen Verwaltungskoordinator f\u00fcr R\u00fcstungskontrolle und Massenvernichtungswaffen der\u00a0Obama-Regierung, \u00bbwill Indien im Rahmen seiner strategischen Abschreckung gegen China thermonukleare Waffen bauen. Es ist unklar, wann Indien dieses Ziel eines gr\u00f6\u00dferen und st\u00e4rkeren Arsenals erreichen wird, aber erreichen werden sie\u00a0es.\u00ab<\/p>\n<p>Einmal hergestellt, gibt es nichts, was Indien von der Anwendung solcher Waffen gegen Pakistan abhalten k\u00f6nnte. \u00bbIndien entwickelt jetzt sehr gro\u00dfe Bomben, Wasserstoffbomben, die speziell St\u00e4dte vernichten\u00ab, sagte Pervez Hoodbhoy,\u00a0ein f\u00fchrender pakistanischer Nuklear- und <em>National Security Analyst<\/em>. \u00bbIndien interessiert sich nicht f\u00fcr&nbsp;[\u2026] Atomwaffen zum Einsatz auf dem Schlachtfeld, es entwickelt Atomwaffen zur Beseitigung von Bev\u00f6lkerungszentren.\u00ab<\/p>\n<p>Mit anderen Worten, wenn der Kaschmir-Streit weiter schwelt, regelm\u00e4\u00dfige Terroranschl\u00e4ge auf Indien ausl\u00f6st und den Wettstreit zwischen Neu-Delhi und Islamabad weiter anfacht, sich gegenseitig in der Vielfalt und Gr\u00f6\u00dfe ihrer\u00a0Atomarsenale zu \u00fcbertreffen, kann die Gefahr f\u00fcr S\u00fcdasien im Besonderen und f\u00fcr die Welt im allgemeinen nur zunehmen.<\/p>\n<p align=\"center\">###<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.truth-out.org\/news\/item\/35489-the-most-dangerous-place-on-earth-a-nuclear-armageddon-in-the-making-in-south-asia\" target=\"_blank\">http:\/\/www.truth-out.org\/news\/item\/35489-the-most-dangerous-place-on-earth-a-nuclear-armageddon-in-the-making-in-south-asia<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gef\u00e4hrlichste Region der Welt: In S\u00fcdasien bahnt sich ein nuklearer Entscheidungskampf an von Dilip Hiro, Tom Dispatch. 4. April 2016 Ohne Zweifel ist die indisch-pakistanische Grenze in Kaschmir seit fast zwei Jahrzehnten der gef\u00e4hrlichste Ort der Erde. Ein kleiner Funke anl\u00e4sslich eines Schusswechsels zwischen Artillerie- und Raketenstellungen k\u00f6nnte an dieser Grenze&nbsp;\u2013\u00a0nach der g\u00e4ngigen milit\u00e4rischen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"parent":863,"menu_order":191,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-880","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gusp.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/880","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gusp.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gusp.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gusp.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gusp.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=880"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.gusp.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/880\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2244,"href":"https:\/\/www.gusp.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/880\/revisions\/2244"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gusp.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/863"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gusp.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=880"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}